Wie entstehen künstlerische Übersetzungen

Auftragsarbeiten, die aus dem inneren kommen…

…wenn etwas ein Bild braucht, weil Worte nicht reichen

 

Warum ich Auftragswerke “künstlerische Übersetzungen” nenne

Manchmal kann man ziemlich genau erzählen, was passiert ist. Und trotzdem trifft man damit nicht das, worum es eigentlich geht.

Vielleicht kennt man jedes Detail. Man kann erklären, warum etwas schwierig war, warum man geblieben ist, gegangen ist, gewartet hat oder irgendwann nicht mehr konnte.

Und trotzdem fehlt etwas. Oftmals nicht die Geschichte. Eher das Gefühl darin. Genau an dieser Stelle beginnen für mich künstlerische Übersetzungen.

Ich kenne das aus meiner eigenen Arbeit. Es gab Dinge, über die ich sprechen konnte oder ein Lied, das seit Jahren etwas auslöst. Über diese Dinge konnte ich zwar sprechen, aber sie haben trotzdem keine Ruhe gegeben. Es waren Gedanken, die immer wiederkamen. Zustände, bei denen Worte irgendwann nur noch drumherum liefen.

Also habe ich angefangen, sie zu malen.

Danach war nicht alles besser. Wenn ich das behaupten würde, dann wäre das gelogen.

Aber plötzlich stand etwas vor mir, das vorher nur in mir herumhing.

Und ich konnte es ansehen.

 

Warum ich diese Arbeiten machen möchte

Irgendwann kam bei mir die Frage auf, warum diese Möglichkeit eigentlich bei meiner eigenen Geschichte enden sollte. Es gibt genug Menschen, die etwas mit sich herumtragen, für das ihnen ein Bild fehlt.

Das muss keine große Lebenskrise sein. Vielleicht ist es eine Zeit, in der man sich selbst kaum wiedererkannt hat. Eine Entscheidung, die noch immer nachwirkt. Ein Mensch. Ein Verlust. Eine Sehnsucht. Ein körperlicher Zustand. Ein Lied, bei dem jedes Mal etwas hochkommt, obwohl man längst dachte, das Thema wäre erledigt.

Oder einfach dieses schwer erklärbare Gefühl:

Da ist etwas. Ich weiß nur nicht, wie ich es zeigen soll.

An der Stelle beginnt für mich die Übersetzung. Nicht, indem ich deine Geschichte nachmale. Sondern indem ich versuche herauszufinden, welcher Zustand darin steckt.

 

Deshalb heißt es künstlerische Übersetzung

Der Begriff ist ziemlich wörtlich gemeint. Du gibst mir keinen fertigen Bildauftrag und ich arbeite anschließend eine Wunschliste ab.

Du gibst mir einen Ausgangspunkt. Das kann eine Geschichte sein, ein Lied, eine Erinnerung oder etwas, das du selbst noch gar nicht wirklich benennen kannst. Ich höre zu, frage nach und versuche irgendwann zu verstehen, wo für mich eigentlich der Starpunkt oder der zentrale Punkt hinter dem liegt, was du mir erzählst.

Manchmal ist der nicht dort, wo man ihn am Anfang vermutet. Vielleicht erzählst du mir von einem Abschied und irgendwann merke ich, dass es im Bild eigentlich gar nicht um Verlust gehen muss. Sondern um die Erleichterung danach.

Oder du erzählst von einer Entscheidung, und eigentlich steckt darunter viel stärker die Angst, dass es kein Zurück mehr gibt.

Das ist der Moment, an dem für mich die Übersetzung beginnt.

 

Ich brauche dafür mehr als drei Stichpunkte

Gerade weil die Themen manchmal ziemlich persönlich werden, möchte ich den Menschen hinter einem Auftrag kennenlernen.

Nicht in einem steifen Erstgespräch. Und auch nicht so, dass jemand mir plötzlich seine komplette Lebensgeschichte erzählen muss.

Aber ich möchte verstehen, mit wem ich rede.

Was ist dir wirklich wichtig? Worüber sprichst du ganz selbstverständlich und wo merkst du selbst, dass du stockst? Was kommt immer wieder zurück?

Manchmal liegt genau dort etwas, das später für das Bild wichtig wird.

Deshalb mag ich es, wenn wir uns erst einmal in Ruhe unterhalten. Persönlich oder online. Ohne dass nach zehn Minuten bereits feststehen muss, was am Ende auf der Leinwand landet.

Bei sehr persönlichen Themen ist mir außerdem wichtig, dass klar ist: Was du mir erzählst, bleibt bei mir.

Ich mache daraus keinen Content. Ich veröffentliche keine Geschichte, nur weil daraus ein Werk entstanden ist. Wenn später etwas davon gezeigt oder erzählt werden soll, dann nur, wenn wir das vorher ausdrücklich so vereinbart haben.

Du erkennst dich vielleicht im Werk. Aber es wird kein Porträt deiner Geschichte.

Das ist wahrscheinlich der Punkt, den ich am klarsten sagen möchte. Eine künstlerische Übersetzung bleibt ein Werk von mir. Meine Figuren sind überwiegend weiblich. Nicht, weil ich jedes Gegenüber als diese Frau darstellen möchte, sondern weil meine Figuren Zustände tragen.

Sie müssen dir nicht ähnlich sehen. Vielleicht tragen sie etwas von dir. Eine Haarfarbe. Eine Haltung. Ein kleines Detail. Aber sie sind keine Stellvertreterinnen, die deine Biografie Punkt für Punkt nachspielen.

Mich interessiert stärker, was die Figur fühlen lassen muss. Ist sie kurz davor zu gehen? Hält sie sich zurück? Wirkt sie ruhig, obwohl eigentlich längst nichts mehr ruhig ist? Ist da Nähe, die gleichzeitig zu eng wird? Oder diese merkwürdige Klarheit, die auftaucht, obwohl man noch gar nicht weiß, was man jetzt damit machen soll?

Genau dort sitzt für mich das Bild.

 

Wünsche dürfen rein. Aber nicht um jeden Preis.

Natürlich darfst du Dinge mitbringen, die dir wichtig sind.

Vielleicht möchtest du eine bestimmte Haarfarbe wiederfinden. Vielleicht gibt es eine Landschaft, die tief mit deiner Geschichte verbunden ist. Das Meer. Berge. Ein Wald. Einen Ort, den du sofort erkennst.

Das kann funktionieren. Aber ich möchte kein Bild bauen, in dem am Ende fünfzehn Symbole auftauchen, weil jedes davon irgendwie biografisch wichtig war. Dann verliert das Werk meistens genau das, worum es eigentlich gehen sollte.

Also frage ich eher: Braucht das Bild diesen Ort wirklich? Trägt dieses Symbol etwas? Oder hängt es nur an der Geschichte?

Manchmal darf etwas deshalb raus. Manchmal kommt etwas anderes hinein, das vorher überhaupt nicht geplant war. Das gehört für mich dazu.

 

Irgendwann liegt eine Skizze vor uns

Nach unserem Gespräch arbeite ich erst einmal allein weiter.

Ich skizziere, verwerfe wieder, verschiebe Dinge und probiere aus, wie sich der Zustand überhaupt in meine Bildwelt übersetzen lässt. Irgendwann gibt es eine Skizze, bei der ich merke: Da ist etwas.

Dann schauen wir gemeinsam drauf. Mich interessiert viel mehr deine erste Reaktion.

Erkennst du darin etwas? Stört dich etwas so sehr, dass wir nochmal ranmüssen? Oder passiert genau das, worauf ich hoffe: Du siehst etwas, das du vorher selbst noch nicht so vor dir hattest. Dann weiß ich, dass ich weiterarbeiten kann.

 

Das fertige Bild darf sich trotzdem noch verändern

Die Skizze ist kein Bauplan, den ich anschließend nur noch bunt ausmale. Beim Malen passiert immer noch etwas. Eine Farbe funktioniert plötzlich anders. Eine Figur wird ruhiger. Oder härter. Ein Symbol verliert an Bedeutung. Ein anderer Bereich wird viel wichtiger, als er in der Skizze war.

Diesen Spielraum brauche ich. Sonst wäre es keine künstlerische Übersetzung mehr. Dann wäre es Ausführung.

 

Was hast du am Ende davon?

Nicht automatisch eine Antwort. Und ganz sicher keine Lösung für etwas, das vielleicht Jahre gebraucht hat, um überhaupt so kompliziert zu werden.

Aber möglicherweise bekommst du ein Gegenüber. Ein Bild, an dem etwas hängt, das vorher keinen festen Platz hatte. Vielleicht erkennst du dich darin sofort, vielleicht erkennst du aber etwas anderes. Vielleicht verändert sich deine Beziehung dazu mit der Zeit. Vielleicht steht das Werk irgendwann nicht mehr nur für das, was damals passiert ist, sondern für den Menschen, der du in diesem Moment warst. Oder für den Punkt, an dem etwas angefangen hat, sich zu verschieben.

Das wesentliche daran ist: Ein Gemälde bleibt. Aber das, was du darin siehst, muss nicht gleich bleiben.

 

Und genau deshalb mache ich diese Arbeiten

Meine eigene Malerei ist aus der inneren Notwendigkeit entstanden, etwas festzuhalten, das ich mit Worten nicht richtig greifen konnte.

Es wäre merkwürdig, wenn ich genau diese Möglichkeit nicht auch für andere Menschen öffnen würde. Nicht jeder malt. Nicht jeder möchte alles aussprechen. Und nicht alles wird klarer, nur weil man noch ein zehntes Mal darüber redet.

Manches braucht vielleicht einfach eine andere Form.

Der Ausgangspunkt gehört dir. Das Bild entsteht durch mich.

Und irgendwo dazwischen entsteht etwas, das vorher keiner von uns sehen konnte.

 
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Im Gespräch: Mein künstlerischer Weg