Wie ein Bild zum Gegenüber wird
Ein Bild ist bei mir meistens schon eine Weile da, bevor ich wirklich anfange zu malen. Manchmal kommt es über Musik, manchmal über eine Körperhaltung, eine Szene oder eine Farbe. Bei anderen Arbeiten ist der Ausgangspunkt körperlicher: Schmerz, Erschöpfung oder dieses ständige Mitdenken des eigenen Körpers im Alltag. Am Anfang weiß ich oft noch gar nicht, ob daraus überhaupt ein Gemälde wird.
Was sich durch viele meiner Arbeiten zieht, sind diese Phasen, in denen das Leben weiterläuft und man selbst trotzdem das Gefühl hat, auf irgendetwas zu warten. Auf eine Entscheidung, eine Veränderung, eine Diagnose oder darauf, dass der Körper wieder verlässlicher wird. Schnell wird daraus eine Art Wartezimmer. Als würde das eigentliche Leben erst danach weitergehen.
Dabei passiert in dieser Zeit genauso viel. Man arbeitet, sitzt mit anderen am Tisch, lacht, ist genervt, hat Schmerzen, freut sich auf etwas, schläft schlecht, hat gute Tage. Viel davon ist völlig unspektakulär und trotzdem Teil des eigenen Lebens.
Das beschäftigt mich. Nicht nur der Moment, in dem sich am Ende etwas entscheidet, sondern auch die Zeit davor. Deshalb müssen meine Figuren nichts überwunden haben und auch keine klare Lösung verkörpern. Mir ist wichtig, dass sie als Person da bleiben. Mit ihrer Haltung, ihrem Raum und einer Präsenz, auch wenn der Zustand selbst noch offen ist.
Wenn daraus ein Bild wird, fange ich an zu sammeln. Referenzen, Haltungen, Farben, Räume, manchmal Pflanzen, Wasser oder einzelne Gegenstände. Am Anfang ist oft mehr da, als später im Bild bleibt. Beim Skizzieren merke ich ziemlich schnell, was wirklich gebraucht wird. Nur weil ein Detail für mich persönlich wichtig ist, muss es auf der Leinwand nichts beitragen. Wenn die Figur schon genug trägt, nehme ich lieber wieder etwas heraus.
Meine Figuren sind keine Porträts. Auch bei sehr persönlichen Arbeiten geht es mir nicht darum, mich selbst abzubilden. Mich interessiert, was der Körper zeigen kann. Wie jemand sitzt, wie die Schultern stehen, was die Hände machen, wie viel Raum eine Figur einnimmt. Manchmal verändert eine kleine Verschiebung in der Haltung mehr als jedes zusätzliche Symbol.
Meine eigene Geschichte bleibt dabei der Ausgangspunkt. Ich kenne den Song, die Situation oder den körperlichen Zustand hinter einem Bild. Im fertigen Werk muss davon aber nicht alles lesbar sein. Jemand anderes kann vor derselben Figur stehen und darin etwas finden, das mit meinem ursprünglichen Gedanken kaum noch zu tun hat.
Das gehört für mich dazu. Sobald ein Bild mein Atelier verlässt, bleibt meine Geschichte zwar darin, aber sie ist nicht mehr die einzige. Ein Werk kann in einem anderen Raum und in einem anderen Leben eine ganz eigene Bedeutung bekommen. Und diese kann sich mit der Zeit noch einmal verändern.
Vielleicht ist das auch der Punkt, an dem aus einem Bild, das sehr persönlich bei mir begonnen hat, ein persönliches Gegenüber für jemand anderen wird. Nicht, weil es eine Antwort gibt. Sondern weil es da ist und mitgetragen wird.